Fähre von Sassnitz nach Trelleborg

Die legendäre Königslinie

Die Fährverbindung Sassnitz–Trelleborg existiert derzeit nicht. Die traditionsreiche Königslinie wurde 2020 nach über 111 Jahren eingestellt.

Sassnitz - Trelleborg

Alternativen


Geschichte der Königslinie

Anfänge im Kaiserreich (1897-1918)

Am 29. April 1897 wurde eine erste regelmäßige Postdampferlinie zwischen Sassnitz und Trelleborg eröffnet. Täglich verkehrte ein Dampfschiff pro Richtung mit Schnellzuganschluss nach Berlin bzw. Stockholm. Die Verbindung verkürzte die Reisezeit erheblich und machte den Umweg über Dänemark überflüssig.

Angesichts steigender Nachfrage beschlossen Deutschland und Schweden, die Linie zur Eisenbahnfähre auszubauen. Am 6. Juli 1909 fuhr der erste Zug an Bord der neuen Fähre - in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. und König Gustav V. Dieser Tag gilt als Geburtsstunde der Königslinie, benannt nach den beiden Monarchen. Fortan waren tägliche Expresszugverbindungen Berlin-Stockholm ohne Umsteigen möglich.

Der Erste Weltkrieg unterbrach den Verkehr nur kurz. Die Route wurde sogar für humanitäre Zwecke genutzt: Ab 1915 fand ein Austausch von Verwundeten und Kriegsgefangenen statt. Im April 1917 reiste auch Wladimir Iljitsch Lenin auf dem Weg aus dem Schweizer Exil nach Russland über diese Strecke.

Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg

In den 1920er-Jahren stabilisierte sich der Fährverkehr. Ab 1922 verkehrten planmäßige Kurswagen und Schlafwagen der MITROPA. Mit der Eröffnung des Rügendamms 1936 konnten Züge direkt bis Sassnitz fahren, was die Gesamtreisezeit um etwa eine Stunde verkürzte. Bis Ende der 1930er-Jahre gab es im Sommer bis zu drei Fährabfahrten pro Tag in jeder Richtung.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Königslinie strategisch bedeutsam. 1942 musste der Passagierverkehr ausgesetzt werden. Im September 1944 stellte man alle Fährabfahrten ein. Die deutschen Fährschiffe kamen im Januar 1945 bei der Evakuierung von Flüchtlingen aus Ostpreußen zum Einsatz.

Am 16. März 1948 lief die erste Nachkriegsfähre von Sassnitz nach Trelleborg aus. Fortan stellte die Königslinie eine der wenigen direkten Verbindungen zwischen der sowjetischen Besatzungszone und Westeuropa dar.

Die Fähre in der DDR-Zeit (1949-1990)

Nach Gründung der DDR wurde die Route von der Deutschen Reichsbahn in Kooperation mit der schwedischen Staatsbahn weiterbetrieben. In den 1950er-Jahren modernisierte man die Flotte mit größeren Fähren, die neben Zügen auch vermehrt Fahrzeuge befördern konnten. Bis zu vier Schnellzugpaare verkehrten täglich über die Ostsee.

Für DDR-Bürger galten jedoch strenge Beschränkungen. Nach dem Mauerbau 1961 war es ihnen nicht mehr möglich, in Trelleborg von Bord zu gehen. Dennoch blieb die Königslinie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Ab 1973 setzten beide Seiten sogenannte Jumbofähren mit bis zu fünf Gleisen ein. Am 19. Mai 1973 wurden an einem Tag insgesamt 752 Eisenbahnwagen über die Ostsee befördert - ein Rekord.

Nach der Wiedervereinigung

Die politische Wende 1989/90 brachte einen Ansturm von Reisenden. 1990 wurden über 1,1 Millionen Passagiere gezählt - ein Allzeit-Hoch. Der Fährverkehr trug erheblich zum Touristenboom auf Rügen bei.

1998 verlagerte man die Fähren vom alten Stadthafen zum neuen Fährhafen Sassnitz-Mukran. Doch mit dem Siegeszug der Öresundbrücke und verstärkter Konkurrenz durch andere Routen sank die Bedeutung der Strecke. 2012 übernahm Stena Line als alleiniger Betreiber. Im September 2018 wurde der Fahrplan bereits ausgedünnt.

Das Ende der Königslinie (2020)

Am 14. März 2020 setzte Stena Line den Fährverkehr wegen der COVID-19-Pandemie aus. Wenige Wochen später - am 8. April 2020 - gab das Unternehmen die dauerhafte Einstellung bekannt. Ausschlaggebend waren die seit Jahren unzureichende Auslastung und wegbrechende Buchungen. 2019 waren nur noch rund 300.000 Passagiere befördert worden.

Mit der letzten Abfahrt der Fähre „Sassnitz" im März 2020 endete nach 111 Jahren die traditionelle Königslinie.

Wiederbelebung durch FRS Baltic (2023-2024)

Ab April 2023 kehrte die Flensburger Reederei FRS Baltic mit dem Hochgeschwindigkeits-Katamaran „Skane Jet" auf die klassische Route zurück. In der Sommersaison gab es bis zu zwei Abfahrten täglich nach Trelleborg. Die Fahrzeit betrug nur etwa 2 Stunden 30 Minuten.

Doch gestiegene Treibstoffpreise, CO₂-Abgaben und hinter den Erwartungen zurückbleibende Buchungszahlen machten das Konzept unwirtschaftlich. Am 30. September 2024 fuhr die Skane Jet vorerst zum letzten Mal. In vier Jahren hatten über eine halbe Million Fahrgäste das Angebot genutzt.


Ausblick

Ob und wann die Fährverbindung Sassnitz-Trelleborg reaktiviert wird, ist ungewiss. Über ein Jahrhundert lang verband sie Deutschland und Schweden auf kürzestem Wege, überstand Weltkriege und politisch geteilte Zeiten. Entsprechend groß ist vor Ort das Interesse, die Tradition fortzuführen.